Chronik und Dorfbuch von Widdershausen/Werra

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Eisgewinnung

Dorfleben

Eisernte, Eissägen, Eisfischen und der Eiskeller

Die Kühlung mittels Natureis oder Schnee stellt entgegen landläufiger Ansicht eine sehr alte Konservierungstechnik dar. Im Mittelmeerraum bis weit in die Antike zurückzuverfolgen, reichen die Quellen hierzulande immerhin bis ans Ende des 16. Jahrhunderts. In Hessen spielte das auf Seen und Flüssen "geerntete" Natureis bis weit in das 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle für das Gewerbe (Bierbrauereien besaßen meist spezielle Eisweiher, Molkereien, Gaststätten, Fleischereien, Krankenanstalten etc.) und zunehmend auch in den Privathaushalten.

Abb.: Zusägen von Eisstangen auf dem Brauereiweiher und Beladen der Pferdewagen mittels Rutsche, hier eine sehr alte Aufnahme aus der Nähe von Tübingen.

Die künstliche Kälte hat sich erst ganz allmählich gegenüber dieser "natürlichen" Alternative durchzusetzen vermocht. Die Kältemaschine blieb jahrzehntelang auf die Großindustrie beschränkt. Nicht von ungefähr bezeichnen viele heute noch ihren elektrisch betriebenen Kühlschrank als "Eisschrank".

Auch der Brauer- und Mälzerkalender von 1880 mahnte die Leser im Januar: "Mit Eis stopf' deine Keller voll, wenn dir dein Bier gelingen soll!"

Abb.: Bei der Gewinnung und Abfuhr waren, wie diese Aufnahme aus den 50er Jahren in der Nähe von Lauterbach zeigt, nahezu 20 Männer nötig.

Auch in Widdershausen wurde von den Gaststätten noch Natureis zu Kühlzwecken verwendet. In Widdershausen wurde die Werra für die Gewinnung von Natureis genutzt. Gegenüber der Gastwirtschaft Mäder gab es am Steilhang zur „alten Kiesgrube“ einen Eiskeller, der im Winter mit Werra-Natureis gefüllt wurde.

Das Eis wurde auf dem gegenüberliegenden Werraufer hinter dem heutigen Gefrierhaus auf der Höhe der Deichwiese gebrochen und mit Pferdewagen über die Werrabrücke zum Eis­keller transportiert.

Widdershausen, Eiskeller in der Hersfelder Strasse gegenüber der Gaststätte Mäder

Abb.: Eisangeln im Teich des ehemaligen Wilhelmshofes in Bad Hersfeld.

Für die "Eisernte" waren immer viele Hilfskräfte notwendig. Oftmals waren Landwirte, welche sich im strengen Winter ein Zubrot verdienten. Zunächst schlug man mit einer Axt ein Loch in die Eisfläche. Mit einer speziellen Eissäge schnitt man dann quadratische Blöcke etwa in der Größe von zwei mal zwei Meter.

Abb.: Eisangeln und herausziehen der Blöcke mit Eiszangen am Wilhelmshof

Diese wurden anschließend von den kräftigen Männern mit den Eiszangen an Land gezogen. Dort wurden sie schließlich aneinandergeschlichtet und dann zerkleinert. Mit den Pferdewagen wurde dieses zerkleinerte Eis schließlich über die Werrabrücke in die Eiskeller gefahren.

Abb.: Transport eines Eisblockes zum Pferdewagen am Wilhelmshof

Die Eisbrocken kamen in den Eiskeller und wurden dann mit einem speziellen Holzschlegel wieder zerkleinert. Damit sich möglichst wenig Luftschichten bildeten, wurde anschließend das gewonnene Eis mit Wasser übersprüht, so dass alles zu einem riesigen Eisklumpen gefror. Hier konnten jetzt die Bierfässer monatelang gekühlt werden.

Abb.: Zerkleinern der Eisblöcke im Eiskeller der Brauerei Engelhardt in Bad Hersfeld.

Eisstechen im Thalerschen Weiher bei Schlüchtern und Transport zur Rampe ca. 1930

Eistransport über eine Rampe auf den Leiterwagen vom Thalerschen Weiher in Schlüchtern um 1930

Eissägen in Hermsdorf um 1930

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