Chronik und Dorfbuch von Widdershausen/Werra

Suche auf Website

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü


Fron/Zehnt

Mittelalter

Widdershäuser Bauern unter der Last des Zehnt und des Frondienstes

Die Befreiung der hessischen Bauern von vielerlei Abgaben und die Beendigung ihrer nahezu völligen Unfreiheit trat gesetzlich erst am 23. Juni 1882 in Kraft. Bis dahin waren sie, von einer kurzen Periode in den „napoleonischen Zeit“ von 1807-1814 abgesehen, unfrei, d.h. der Bauer besaß das Feld, das er bewirtschaftete zum allergrößten Teil nicht als freies Eigentum, er hatte nur ein mehr oder weniger ausgedehn­tes Nutzungsrecht. Dafür mußte er dem Grundherrn Abgaben und Leistungen erbringen, zu dem außer dem Zehnt Grundzins, Frondienst, „Ungeld“ und „Besthaupt“ gehörten. Überschaut man die Möglichkeiten, die ein Grundherr gegenüber dem unfreien Bauern hatte, muß man sich wundern, daß der Bauer überhaupt noch mit seiner meist großen Familie leben konnte, wobei unter „Leben“ ein Vegetieren am Rande bitterer Not zu verstehen ist.

Der Grundzins war eine Abgabe an den Grundherrn für das Nutzrecht am gesamten Gut; zumeist wurde er vonGütern oder größeren Höfen erhoben. Der Frondienst war eine zu erbringende Leistung an den Grundherrn, die in Hand- und Spanndienst bestand. Die Bauern waren verpflichtet, für ihren Grundherrn unentgeltlich Fuhren und Fahrten durchzufuhren. Die Kleinbauern, die kein Gespann hatten, mußten auf den Gütern bei allen Arbeiten, und mit ihnen zumeist auch noch alle arbeitsfähigen Familienmitglieder, helfen.

Die Bauern aus Heringen und Widdershausen mußten z.B für das Schloß Friedewald und den Hof Weißenborn Spanndienste (siehe auch Land-und Ämterbuch von Landgraf Wilhelm IV.) leisten. Da der Weg sehr weit war und sie bei Tage nicht mehr heimkehren konnten, wurden Männer und Pferde fur eine Nacht in Herfa untergebracht. Die als „sehr reichlich“ bezeichnete Verpflegung auf den Gütern hatte den kostenlosen Frondienst etwas erleichtert.

1568 verweigerten die Widdershäuser die anbefohlenen Frondienste an der Wolfsfalle im Wolfsgarten in Herfa. Zehn Widdershäuser Bauern waren wiederholt dazu befohlen worden. „Dy seindt außenbliben, danach hab ich die Gemein uff ein Tag gefordert, zu kommen, .... Do seindt sehe ihrem eigen Nütze nachgegangen und nicht kommen.“

Darauf hat der Friedewalder Vogt Widdershäuser „Kahwe“ gepfändet und abgeführt. Deren Wert wurde mit 10 Gulden angegeben. Durch Vermittlung von Siegmund von Boyneburg in Berka erhielten sie die Kuhhäute im Wert von 2 Gulden und weitere 2 Gulden zurück. Die Buße für die Verweigerung der Fronarbeit betrug demnach 6 Gulden.

Das Ungeld diente dazu, den Fürsten die Finanzierung von Kriegen zu ermöglichen. Und nachdem sie praktisch dauernd Fehden austrugen, wurde den Bauern auch noch dieses “Ungeld“ abgepreßt.

Das Besthaupt wurde nach dem Tod des Mannes bzw. Familienvaters vom Gutsherrn erhoben. Das beste Stück Vieh und der Anzug und beim Tod der Frau die besten Kleider waren an den Grundherrn abzuliefern. Diese Abgabe wurde etwa seit dem Jahre 1550 nicht mehr erhoben. Von Widdershausen wird 1553 von allen Amtsorten allein noch die Abgabe des Besthauptes für einen Bauernhof aufgezeichnet.

Der Zehnt wurde sehr unterschiedlich erhoben. Im Amt Friedewald war es der Grund- und Lehensherr bzw. die Landgrafen von Kassel, in wenigen Fällen die Kirche mit ihren Pfarrern als Lehensherr.

Erfaßung der Zehntäcker

Mit den Zehntäckern war auch das Huterecht verbunden. Um die Zehntäcker und die entsprechenden Abgaben richtig zu erfassen, mußten in jedem Jahr vom Dorfgreben (Bürgermeister) die einzelnen Zehntäcker in eine Liste eingetragen und diese dem Amtsvogt von Friedewald überreicht werden. Im Frühjahr mußte der Amtsvogt von Friedewald die Dörfer des Amtes besuchen, um der Ober­rentkammer eine Aufstel]ung über den Zustand der Felder zu geben: Was und wieviel von jeder Getreideart gesät worden war, welche Zehntäcker brach lagen und wie hoch ungefähr der zu erwartende Zehntbetrag war. Wich der geschätzte Zehntbetrag wesentlich vom Durchschnitt der letzten drei Jahre ab, mußte das eingehend begründet werden. Für jede unrichtige Erfassung standen hohe Stra­fen an; jeder Beamte der betrog wurde aus dem Dienst gejagt.

Weil der Friedewalder Amtsvogt im Jahre 1737 bzw. 1738 die Zehntbesichtigung in Heringen und Widdershausen unterlassen hatte, mußte er 8 Taler Strafe bezahlen. Zwi­schen der von den Gemeinde einge­reichten Ertragsliste, die in Winter- und Som­merfeld aufgeteilt war, klaffte im Hinblick auf die Erträge der letzten Jahre eine so große Lücke, daß der Rentmeister Jäger aus Vacha nach dem Rechten sehen mußte, wobei sich herausstellte, daß die Heringer erheblich ge­schwindelt hatten. Man entschuldigte sich mit der Kürze der Zeit, die zur Erhebung zur Verfügung stand; in Wirklichkeit wollten sich die Heringer wohl eher vor den erheblichen Abgaben drücken.

Sammeln der Zehntfrüchte

Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Zehnt zumeist in Naturalien entrichtet. Zwei Zehntsammler waren in jedem Dorf für das Einsammeln der Zehntfrüchte verantwortlich. Ihre Aufgabe bestand im Einsammeln und Fahren in die Amts- und Zehntscheunen. Da die Dörfer Herfa, Lautenhausen, Ausbach, Motzfeld und Kathus die Zehntfrucht in das Schloß nach Friedewald bringen mußten, reichte die Amtsscheune im Schloß nicht aus; es mußten noch weitere Scheunen hinzugemietet werden. Die Widdershäuser mußten ihre Zehntfrüchte beim Unteramt Heringen abliefern.

1748 bekamen die Zehntsammler in dem Äm­tern Hersfeld, Friedewald und Schenklengsfeld für jede eingezogene und gelieferte Garbe zwei Heller. Die schlecht bezahlten Leute mußten auch noch darauf achten, daß die Zehnfrüchte „marktrein“ waren, also ohne Unkrautbeimengung und ohne Wurmfraß. Zuwiderhandeln hatte hohe Strafen nach sich gezogen. Die Sammler mußten die Zehnt­früchte in Listen eintragen und diese alle 3 - 4 Tage dem Amtsvogt in Friedewald vorlegen. Sammel- und Dreschlisten mußten genau übereinstimmen.

Harte Strafe gab es, wenn sich einer der Fuhr­leute mit Bier oder Branntwein ,“bestechen“ ließ oder etwa beim Einsammeln betrogen hatte.

Neue Zehntordnung

Kurz vor der Ernte hatte in jedem Jahr der Bürgermeister in den Dörfern die Zehntord­nung bekannt zu geben. Bis 1737 zählte zu den Zehntfrüchten nur Getreide. In einer neuen Zehntverordnung sollten nun auch die anderen Feldfrüchte - Kartoffeln, Erbsen, Linsen und Rüben zehntpflichtig werden. Dagegen wehrten sich die Bauern, die zumeist als Sieger aus diesem Rechtsstreit hervorgingen. 20 Jahre später sah sich der Landgraf genötigt, die alte Ordnung wieder herzustellen.

Im Zuge der Rechtsprechung zugunsten der Bauern versuchten immer mehr Zehntpflich­tige ihre Äcker von der Zehntpflicht befreien zu lassen. So führte z B. 1746 die Pfarrerswitwe Schlott­mann aus Heringen, Mutter des bekannten Orgelbauers Schlottmann aus Friedewald, eine Klage bei der Oberrentkammer, um ihre Äcker von der Zehntpflicht befreien zu lassen. Die Klage wurde aber abgewiesen. In der Zehntauflistung von 1739 wurde be­richtet, daß das Dorf Heimboldshausen die Rodeländer weder im Sommerfeld noch im Winterfeld ausstellten. Sie verschmähten das Rohdeland, um keine Zehntabgaben lei­sten zu müssen.

Erste Bauernbefreiung

Mit der Niederlage Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstädt war auch das Schick­sal Kurhessens besiegelt. In dem am 15. No­vember 1807 neugegründete Königreich Westfalen unter dem Bruder Napoleons, der in Kassel residierte, bekam das Land eine der franzöischen nachgebildete Verfassung. Im Artikel 13 der Westfälischen Verfassung war die Zwangsaufhebung jedes gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisses aus­gesprochen und damit jeglicher Art von Hö­rigkeit und Leibeigenschaft beseitigt. Die Freude über die Neuerungen währte nur kur­ze Zeit. Die hohen Steuern, die den verarmten Menschen nach dem Krieg aufgebürdet wur­den, ließen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sinken; König Jerome steuerte durch aufwendige Hofhaltung dem Bankrott zu. Mit aufrichtiger Freude begrüßte man 1814 den aus der Verbannung zurückgekehrten früheren Landesherrn, obwohl seine erste Hand­lung die Verordnung vom 14. Januar 1814 war, alle Privilegien und Maßnahmen der napoleonisch-westfälischen Regierung für null und nichtig zu erklären. Die alten Reallasten wurden wieder einge­führt, was keinen Beifall fand, da wohl jeder erkannte, daß die zeitgemäßen Veränderun­gen zu Ungunsten der Bevölkerung beiseite geschoben worden waren.

Die Wirtschaft des Landes lag darnieder, es war kein Absatz vorhanden, Arbeit und damit Verdienst fehlten und der Hunger regierte im ganzen Land. In den Ämtern Hersfeld und Friedewald war die Armut am größten. Da beide an der Heertraße von Leipzig nach Frankfurt lagen, hatten sie unter Einquartierungen und Truppendurchzügen schwer zu leiden. Alle Bemühungen, das Land wirtschaftlich wieder auf die Höhe zu bringen, scheiterten im Hungeriahr 1816.

1828 gab es eine neue Hungerzeit, von der vor allem die Walddörfer im Kreis Hersfeld und in den Ämtern Friedewald und Schenklengsfeld betroffen waren. Sogar der Finanzmini­ster hatte einen Bericht über das Hungerelend dieses Gebietes angefordert. Die Leute lebten in armseligen Hütten, die Familie ging in Lumpen, blankes Stroh war das Nachtlager. Die Kartoffeln waren bereits im Frühjahr aufgezehrt. Im August fand man in den meisten Dörfern, unter deren Götzemann (Gethsemane) und Friedewald besonders genannt wurden, kein Brot mehr. Viele suchten durch Waldbeeren ihren Hunger zu stillen.

Zu allem wurden die Waldhuten immer geringer, der Wildschaden immer größer. Die Regierung erkannte, daß dieser Zustand unhaltbar war und gab am 23. Juni 1832 dem hessischen Bauernstand gesetzlich die Freiheit.

Alte Schäferei (Vorwerk) in Dankmarshausen um das Jahr 1710

Homepage | Aktuell | Gemeinde | Dorfleben | Einwohner | Landwirtschaft | Schule | Kirche | Vereine | Bergbau | Erdbeben | Eisenbahn | Werra | Zonengrenze | Jagd | Burg Hornsberg | Sagen | Mittelalter | Landkarten | Kriege | Literatur | Gästebuch | Kontakt | Sitemap


Untermenü


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü