Kartoffelkäfer - Widdershausen aktuelles Projekt

Chronik Widdershausen
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Kartoffelkäfer

Chronik 2 > Landwirtschaft
Kartoffelkäfer

Auch in Widdershausen rückten die Kinder der Landwirte oft auch Schulklassen der hiesigen Volksschule in den 1960er Jahren zum Kartoffelkäfer sammeln aus. Mit Sammelglas oder Sammelbüchse ausgerüstet ging man durch die Kartoffelreihen und glaubte die an der gelben Farbe gut erkennbaren Kartoffelkäfer von den grünen Kartoffel-Laubblättern. Für jede volle Sammelbüchse gab es vom Großvater Nikolaus Trieschmann 10 Pfennige, die Käferbeute warf er portioniert den Hühnern zum Fraß vor. Obwohl die Kartoffelkäfer in dieser Zeit sehr häufig vorkamen, konnte man mit dieser Tätigkeit nicht reich werden.

Als im Ersten Weltkrieg (1914-1918) ein vermehrtes Auftreten des Kartoffelkäfers festgestellt wurde, glaubte man an eine gezielte Vermehrung des Käfers durch die Franzosen („Franzosenkäfer“), um die Lebensmittelversorgung der deutschen Bevölkerung zu gefährden.
Dass der Kartoffelkäfer ein durchaus effektives biologisches Kampfmittel sein konnte, belegt ein anschauliches Beispiel in der Kartoffelkäfer-Fibel, die die Nazis 1941 an die Volksschulen verteilen ließen.
In dieser Zeit machte in Deutschland das Gerücht die Runde, dass amerikanische und englische Flugzeuge Kartoffelkäfer über Deutschland abwürfen. Belege für diese Unternehmen gibt es bis heute nicht, aber man erinnerte sich wohl an den Mainzer Lokalpoeten, der in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts nach dem ersten Auftauchen des Kartoffelkäfers in Europa öffentlich Amerika aufgefordert hatte, den gefräßigen Käfer selbst satt zu machen, damit dieser nicht „unserem Volk die letzte Speise verkürzen“ müsse.
Im Zweiten Weltkrieg scheint der Vorwurf einer geplanten biologischen Kampfführung eher gegen die Deutschen berechtigt gewesen zu sein, denn die Wehrmacht züchtete seit 1943 Kartoffelkäfer und warf versuchsweise 14000 über der Pfalz ab. Zum tatsächlichen Einsatz gegen England kam diese biologische Kampfwaffe aus verschiedenen Gründen nicht.
DDR Propagandaplakat 1950
DDR Propagandaplakat 1950
1950 entfesselte die SED eine Kampagne zum Kampf gegen den "Ami-Käfer". CIA-Flugzeuge sollten Kartoffelkäfer abgeworfen haben, um die Ernte zu vernichten.
Ganz Washington war bass erstaunt über die Nachrichten aus Europa. Amerikanische Flugzeuge, so beklagten die Regierungen in Ostberlin und Prag im Sommer vor 60 Jahren gleichermaßen, hätten über Kartoffelfeldern in ihren Ländern massenhaft Käfer abgeworfen, um die Ernte zu sabotieren. Radio Moskau trug die Botschaft in die Welt: Eigens gezüchtete Kartoffelkäfer, im Englischen Colorado-Beetle genannt, seien aus Fliegern über die Felder gestreut worden. Ziel sei es, eine Hungersnot auszulösen, um die Regierung in Ostberlin zu destabilisieren.

Junge Pioniere beim Sammeln von Kartoffelkäfern in Sachsen
Junge Pioniere beim Sammeln von Kartoffelkäfern in Sachsen
Auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt entdeckten Bauern massenhaft Tiere der Art Leptinotarsa decemlineata aus der Familie der Blattkäfer - gelb-schwarz gestreift und so gefräßig, dass 30 Weibchen mit ihren Nachkommen innerhalb eines Jahres einen Hektar kahlfressen. Augenzeugen berichteten immer wieder von Flugzeugen, die sie gesehen haben wollten. Schließlich stimmte die Informationsamt der Regierung ein. Es handele sich bei der Käferplage eindeutig um einen "verbrecherischen Anschlag der anglo-amerikanischen Imperialisten auf unsere Volksernährung". Natürliche Ursachen könnten ausgeschlossen werden, versicherte Landwirtschaftsstaatssekretär Paul Merker. "Die Zahl der Käfer ist bis zu mehreren tausend Prozent größer als die Zahl der Ei-Gelege". Ein klarer Hinweis auf Diversion. "Welch ein Ausmaß von Verworfenheit und tödlichem Hass muss sie beherrschen, um sie zu diesen ungeheuerlichen Anschlägen zu treiben!", wetterte die "Freiheit".
Kinderbuch zum Thema Kartoffelkäfer in der DDR
Kinderbuch zum Thema Kartoffelkäfer in der DDR
Zumindest der Augenschein gab der Propaganda recht, wie auch Journalisten aus Polen, China und Italien notierten, die von der DDR-Regierung auf Bauer Trögers Feld gefahren wurden. "Kartoffelkäfer sind kleiner als eine Atombombe", schrieben sie in einem Offenen Brief an die Völker der Welt, "aber auch sie sind eine Waffe der US-Imperialisten im Kampf gegen die friedliebenden Arbeiter und Bauern Ostdeutschlands". Die Zahl der vom nun "Amikäfer" genannten Schädling befallenen ostdeutschen Gemeinden stieg von 945 Ende Mai auf fast 2 000 Ende Juni, die Zahl der gefundenen Käfer-Herde explodierte von 5 061 auf 18 000. Noch 1949 waren nur 5,9 Prozent der Anbaufläche befallen gewesen, jetzt waren es mehr als dreimal so viel. In der DDR wurde zu "Sondersuchtagen" gerufen, an denen von Kind bis Greis alle ausrücken sollten, um die Pflanzen von dem Schädling zu befreien, den der "US-Imperialismus" benutze, den friedlichen Aufbau im demokratischen Deutschland zu stören.
DDR Plakate zum Thema Kartoffelkäfer
DDR Plakate zum Thema Kartoffelkäfer
Obwohl aus den USA nur laue Dementis kamen, in denen die DDR-Propaganda bündig Propaganda genannt wurde, wusste das DDR-Landwirtschaftsministerium längst, dass es keine Terrorflüge mit Käferbomben gab. Sachlich stellte ein interner Bericht des Pflanzenschutzdienstes fest, dass günstige Witterung und die schon seit Ende des 18. Jahrhunderts anhaltende Ost-Wanderung der Tiere für die Plage verantwortlich gemacht werden müssten.

Doch die junge DDR war auf jeden Feind angewiesen, gegen den sich das Volk gemeinsam stemmen konnte. Den gesamten Sommer 1950 lang trommelten die Schlagzeilen also weiter zum kollektiven Kampf gegen "Karl Kahlfraß", wie ein Bilderbuch für Kinder den "Amikäfer" nannte. Auch nach Ende der Kartoffelernte wurde die Legende von der geheimen CIA-Aktion weitergesponnen und ausgeschmückt. Bis sie eines Tages verschwand wie von Zauberhand.
1951 gab es noch einen letzten kleinen Zeitungsbericht über einen "heimtückischen Käferabwurf" bei Gardelegen, den einige Kinder beobachtet haben wollten. Danach aber hörten die DDR-Bürger nie mehr von der hinterlistigen Biobombe der Imperialisten. Die es nach allen Unterlagen, die sich in den inzwischen geöffneten CIA-Archiven aus dieser Zeit finden, in Wirklichkeit auch nie gegeben hat.
Hochgiftiges Arsen-haltiges Kartoffelkäfer-Insektizid (erste Hälfte 20. Jahrhundert)
DDR Plakate zum Thema Kartoffelkäfer
Das Absammeln der Käfer blieb lange Zeit die einzige Möglichkeit, den Käfer zu bekämpfen. Später wurden zur Bodenentseuchung anfänglich Kalkarsen und Schwefelkohlenstoff eingesetzt. In den 1950er Jahren kamen chemische Pflanzenschutzmittel auf Basis  chlorierter cyclischer Kohlenwasserstoffverbindungen, wie DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) oder Lindan zum Einsatz.

In den 1970er Jahren kamen die synthetischen Pyrethroide auf, Nachbildungen des natürlichen Insektengiftes der Chrysanthemen, die wesentlich verträglicher für die Nicht-Zielorganismen sind. Seit einigen Jahren schmälern zunehmende Resistenzen die Bekämpfungserfolge. Milde Winter erleichtern dem Kartoffelkäfer das Überleben. Die längeren Vegetationsperioden erlauben dem Käfer im Laufe eines Sommers zwei Generationen hervorzubringen, was die Käferpopulation wachsen lässt. Im ökologischen Landbau werden Pflanzenschutzmittel mit den Wirkstoffen des tropischen Neembaums und Bakterienpräparate aus Bacillus thuringensis oder das von den Aktinomyzeten stammende Spinosad erforscht. Grundlage einer jeden Behandlung aber ist und bleibt die sorgfältige Beobachtung und Prognose. Es bleibt also auch zukünftig eine große Herausforderung an die Pflanzenschutz -Wissenschaft, geeignete Wirkstoffe, Darreichungsformen und Verfahrenstechniken gegen den Kartoffelkäfer zu entwickeln.

Quelle: Schulmuseum Lohr im Ortsteil Lohr-Sendelbach
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