Chronik und Dorfbuch von Widdershausen/Werra

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Kneipensterben

Dorfleben

Kneipensterben - Dörfer ohne Dorfkneipe

"Die kleine Kneipe in unserer Straße" ... ist jetzt geschlossen!

Früher kamen die Vereine in die Dorfkneipe und Hochzeiten (grün, silber, gold), runde Geburtstage Schützenfest und Kirmes wurden gefeiert.
Die Kneipen waren Teil des Dorfkerns psychologische Auffangstationen, Orte von Klatsch und Tratsch, Freude und Leid, Lust und Leben. Wenn jemand beerdigt wurde, ging es anschließend zum Leichenschmaus. Von allem was vorher war, sind die Beerdigungen geblieben, und mit jeder Beerdigung stirbt ein Stück Geschichte. Der Dorfgastwirt als Begleiter in allen Lebenslagen ist zum Totengräber geworden.

Das bekannte Schild an der Tür zur Gaststätte "Geschlossene Gesellschaft" blockierte die Kneipe nur temporär

Dieses neue Schild begegnet uns in den Dörfern immer öfter, in vielen Dörfern ist der Zug schon abgefahren!

Wenn die Leute heute was zu Feiern haben, lassen sie einen Partyservice kommen. Getränke werden im Supermarkt geholt. Geiz ist geil, und was man in der Kneipe spart, wird in den Urlaub investiert.

In der Kneipe traf man halt die Leute aus dem Dorf. "Das klassische Thekengespräch findet heute auf Facebook statt"

Bierlaune in der Gaststätte zum Stern in Widdershausen Ende der 1950er Jahre

Früher lernten die Leute das Trinken in der Dorfkneipe, damit ist nicht die Erziehung zum Alkoholismus gemeint, sondern der maßvollen Umgang mit Bier und Korn. Früher schickte der Gastwirt die Leute nach Hause. "Lass gut sein. Mehr muss nicht." Wenn man heute die Geschichten von Jugendlichen liest, die sich ins Koma saufen, versteht man die Welt nicht mehr. Die wissen doch gar nicht, wie sie mit Alkohol umgehen sollen. Kneipen sind immer auch ein Stück Kultur, ein Stück Gemeinschaft.

Irgendwann sind sie weg die Dorfkneipen und das ist nicht nur in Widdershausen so. Die Devise: Der Letzte macht das Licht aus. Und am Tag danach werden alle, die vorher nie da waren, den Klagegesang anstimmen vom Niedergang der Dorfkultur.

Was sagt das Kneipensterben über unsere Gesellschaft aus? „Die Menschen ziehen dahin, wo es Arbeit und Wohlstand gibt“. Viele wechselten ihre Wohnorte wie früher die Kleidung. „Wenn die Kneipe in einem Dorf stirbt, ist das vielleicht das erste Alarmsignal, dass die Menschen wegziehen. Dann gibt es bald vielleicht auch keine Kirche mehr, keinen Supermarkt, keinen Nahverkehr, und am Ende bleiben nur noch alte Menschen übrig. So gesehen ist das eine Verarmung.“

Quelle: Heiner Frost, Der Letzte macht das Licht aus, Niederrhein Nachrichten vom Mittwoch 8. April 2009
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