Leben am Zaun - Widdershausen aktuelles Projekt

Chronik Widdershausen
Direkt zum Seiteninhalt

Leben am Zaun

Chronik 2 > Zonengrenze
Ein Leben im Halbkreis
Die Gemeinden im Werratal lagen 50 Jahre an der Frontline zwischen Ost und West

Von Heiner Paris Hersfelder Zeitung vom 30.10.2009

Hersfeld-Rotenburg. "Wenn der kalte Krieg hitziger wurde, da ist man schon mal hoch zum Siechenberg und hat geschaut, ob sich im Osten, im Werratal was zusammenbraut", erzählt ein alter Philippsthaler. Das sei in den 50er Jahren in Zeiten der Korea-Krise oder auch bei den Volksaufständen in der DDR und in Ungarn gewesen.
Vacha 1963 US soldier observing city at border by Ralph Crane, GI mit Blick auf Vacha vom Siechenberg
Der Mauerbau und der Ausbau der Grenzanlagen vor Ort mit der Mauer zwischen Vacha und Weidenhain, die Kubakrise, die Zerschlagung des Prager Frühlings - alle Ereignisse, in denen sich Nato und Warschauer Pakt gegenseitig die Stirn boten, verstärkten Ängste. "Kommen jetzt die Russen?", fragten Kinder vor dem Schlafengehen besorgte Eltern.

Und diese Frage war nicht unberechtigt. Denn durch das Werratal zog sich das "Fulda Gap", jenes Einfallstor zwischen Eisenach und Fulda, in der die Nato einen Angriff aus dem Osten erwartete und sogar ein nukleares Sperrfeuer eingerichtet hatte. Im kalten Krieg war es daher für die Menschen am "Eisernen Vorhang" immer fünf vor Zwölf. Wer später die Militärszenarien las, der wusste im Nachhinein nicht, aus welcher Himmelsrichtung die größere Gefahr gekommen wäre - aus dem Osten oder aus dem Westen. Aber der Mensch kann verdrängen, Politik und Gesellschaft versuchten die Belastungen in den Zonenrand- und Zonengrenzgebieten mit besonderen Zuwendungen und Förderungen auszugleichen. Mit Kali und Salz war der größte und sicherste Arbeitgeber im Landkreis Hersfeld-Rotenburg mit zwei Werken direkter Nachbar.
Sergeant Price at one of the observation post in Hesse, possibly Point Alpha, Foto: Ralph Crane
LIFE Magazine 1963
Eine gute Infrastruktur mit wohnortnahen Schulen, guten Sportstätten, Schwimm- und Hallenbädern oder Gemeinschaftshäusern werteten das Zonengrenzgebiet auf - nur die alten Verbindungen von Philippsthal nach Vacha oder Bad Salzungen, von Heringen nach Gerstungen oder Eisenach waren durch Stacheldraht, Metallgitterzäunen, durch Minen und Männern mit Schießbefehl zerschnitten. Mit Bad Hersfeld musste ein neuer Orientierungspunkt gefunden werden. "Was wärt ihr ohne uns geworden...", musste der zugezogene Hersfelder oftmals hören.

Klagen über die Situation und Unterstützung fordern - das war in den 60er- und 70er-Jahren Politik im Zonengrenzbereich an der Werra. Diese Politik brachte Menschen wie Fritz Wolf aus Widdershausen hervor, der in den Ministerien der Landesregierung solange ein und aus ging, bis er erreicht hatte, was er wollte - meistens nichts für sich, sondern für viele seiner Mitbürger. Die isolierte Lage förderte das menschliche Miteinander, schuf eine Kumpelgesellschaft, die die Menschen vom Kalischacht her kannten.
Amerikanische Grenzstreife trifft auf eine Grenzstreife des Bundesgrenzschutzes 1963
Gorbi - der "bessere" Russe

In den 80er-Jahren wurden die Klagegesänge leiser. Die Menschen lebten gut mit ihrer Situation, es "knallte" auch nicht mehr so massiv zwischen Ost und West, Abrüstungsgespräche wurden geführt, und Gorbatschow erschien als ein anderer, ein "besserer" Russe.

Das Werratal wollte kein Mitleid mehr, es wollte wahrgenommen werden. "In unserem Raum sind wir darauf angewiesen, selbst etwas auf die Beine zu stellen, um auf uns aufmerksam zu machen", stellte Heringens Bürgermeister Roland Hühn 1988 auf einem Sängertag in Kleinensee fest, als die Lieder noch über Mauer und Stacheldraht gesungen wurden.

Da war immer was los

Und das Werratal stellte viel auf die Beine: Feste waren besonders festlich, Faschausstellungen wie in Philippsthal zeigten das Leistungsvermögen der heimischen Wirtschaft, Vereine richteten große Konzerte mit bekannten Chören wie die Bergsteiger aus Trient oder Theaterveranstaltungen, und kurz vor der Wende entstand das Projekt "Kunst an der Grenze" in einer ehemaligen Direktorenvilla von Kali und Salz.

Die Hersfelder Zeitung war mit einer Außenredaktion ins Werratal gekommen - Zonenrand- und Zonengrenzkommunen rückten näher zusammen.
Amerikanische Grenzstreife unterwegs im Jeep 1963
© 1998-2018
Google

» World Wide Web » X5 Helpsite

Zurück zum Seiteninhalt