Chronik und Dorfbuch von Widdershausen/Werra

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Luftkampf

Kriege > 2. Weltkrieg

Luftkampf an der hessisch-thüringischen Grenze 27.09.1944
Am 27. September 1944 flog die 2. Bomberdivision der 8. USAAF mit 283 viermotorigen Langstreckenbombern vom Typ B-24 Liberator einen Angriff auf die Henschel-Werke in Kassel. Zum Schutz dieser Bomberarmada waren 198 Begleitjäger eingesetzt. Bei geschlossener Wolkendecke kam die das Geschwader anführende 445. Bombergruppe während des Zielanflugs vom Kurs ab und steuerte Göttingen an. Ihre Bombenlast ging kurz vor der Stadt auf die Feld­gemarkung zwischen den Dörfern Roßdorf und Grone nieder.

Die nunmehr ohne Jagdschutz abseits des Bomberstromes in südlicher Richtung fliegende Gruppe von 35 Liberators wurde etwa 10 km nordwestlich von Eisenach, gerade als sie Kurs auf Bad Hersfeld nahm, von nahezu 150 deutschen Jägern der Jagdgeschwader 3 (Udet), 4 und 300 blitzartig in drei Wellen angegriffen. Dem deutschen Gefechtsverband gehörten alle drei Sturmgruppen der Luftwaffe an, begleitet von drei Gruppen Messerschmill-Jäger Bf109. Die Sturmgruppen flogen die Focke-Wulf-Maschine Fw190 A8/R2. Es war 11:03 Uhr deutscher Sommerzeit, als die Sturmjäger in geschlossener Formation mit ihren Bordkanonen feuernd durch den Liberator-Verband hindurchstießen und ihn auseinandersprengten.

Nach übereinstimmenden Schilderungen überlebender amerikanischer und deutscher Flieger scchien binnen weniger Minuten die Hölle los. Brennende und auseinanderbrechende Flug­zeuge stürzten unter Getöse zur Erde. Flugzeugteile und Ausrüstungsgegenstände wirbelten durch die Luft. Dazwiscchen schwebten zahlreiche Fallschirme zur Erde. Explosionen, hämmernde Bordwaffen, dröhnende und heulende Flugzeugmotoren verursachten einen ungeheuren Lärm.

Abb.: Einweihungsfeier der deutsch-amerikanischen Gedenkstätte am 01.08.1990 im Seulingswald zu Ehren von 118 amerikanischen und 18 deutschen Fliegern

Das Zentrum des Luftkampfes lag über dem Raum beiderseits der hessisch-thüringischen Grenze zwischen den Gemeinden Lauchröden, Gerstungen und Richels­dorf. Die Bewohner dieser gegend glaubten angesichts des aus den Wolken kommenden Infernos an den Einsatz Wunderwaffe. Es war die Zeit der Kartoffelernte und viele wurden auf den Feldern Augenzeuge schauriger Vorgänge. Auch in Widdershausen und Dankmarshausen wurden einige der Jagd­maschinen von der Salwand aus beobachtet.

Der ganze Bomberpulk wäre ”vom Himmel gefegt worden”, wenn nicht in letzter Minute herbeigefunkte Mustang-Jäger der 361., 4. und 355. Fighter Group zur Hilfe gekommen wären. Die sich jetzt zwischen den Jägern entwickelten Luftkämpfe zogen sich in östlicher Richtung bis in den Raum Gotha hin. Die 8. USAAF verlor bei diesem Desaster 30 Bomber, davon 25 über deutschem Boden sowie einen Jäger. 118 Flieger starben, 121 überlebten als Kriegs­ge­fangene. Es waren die höchsten Verluste, die eine US-Bombergruppe bei einem Einsatz je erlitt. Auf deutscher Seite gingen 29 Jäger verloren. 18 Piloten fanden den Tod. Sieben weitere Tode forderte der Absturz einer deutschen Maschine auf ein Lazarett. Dieser Luftkampf war durch seinen dramatischen Verlauf und das konzentrierte geschehen außergewöhnlich. Es dürfte eines der spektakulärsten Ereignisse bei der Abwehr der aliierten Bomberoffensive gegen das Reichsgebiet gewesen sein. Auch durch tragische Schicksale und grausame Vorkommnisse war das Ereignis geprägt.

Von den Amerikanern, die sich durch Fallschirmabsprung retten konnten, versuchten nicht wenige zu flüchten, um der Gefangenschaft zu entgehen. Einige wurden erst nach Woche aufgegriffen. Die gefangenen Flieger erregten in den Dörfern meistens großes Aufsehen, wobei es verschiedentlich zu bedrohlichen Situationen und auch zu Tätlichkeiten kam. Sieben Flieger wurden sogar Opfer von Tötungsdelikten. Nach dem Kriegsende wurde dieses finstere Kapitel vor der amerikanischen Militärgerichtskommission in Dachau verhandelt. Gegen fünf Täter wurden Todesurteile ausgesprochen und in Landsberg vollstreckt.

Es gab aber auch Fälle ausgesprochen humanen Verhaltens gegenüber abgesprungenen Fliegern. Als Beispiel ist hier die Ehefrau eines Forstmeisters zu erwähnen, die einem schwerverwundeten Amerikaner erste Hilfe leistete und ihn anschließend mit der Pferdekutsche zu einer 9 km entfernten Arztpraxis fuhr. Die Darstellung des historischen Geschehens beruht auf einer Untersuchung von Walter Hassenpflug aus dem Ortsteil Friedlos. Der Chronist arbeitete an einer Dokumentation über den Luftkrieg im Kreis Bad Hersfeld und hat über das Ereignis intensiv recherchiert. Er gehörte als 12jähriger zu einer Jungvolkgruppe an, die einen der damals abgesprungenen Amerikaner in Gewahrsam nahm. 1986 gelang es ihm diesen Offizier in den USA ausfindig zu machen und eine erste Begegnung zusammen mit einem der damals beteiligten deutschen Flugzeugführer der ll.Sturmgruppe des JG300 zu arrangieren. Später kam es zu weiteren Treffen auch mit anderen US-Fliegern. Die persönlichen und zahlreichen brieflichen Kontakte lösten schließlich bei den Amerikanern den Wunsch aus, eine gemeinsame Gedenkstätte zu errichten. Die Gedenkstätte wurde am 01.08.1990 zu Ehren von 118 amerikanischen und 18 deutschen Fliegern 1,8 km östlich von Friedlos im Seulingswald errichtet. Hier waren die Trümmer eines Bombers niedergegangen, von dessen Besatzung fünf ums Leben kamen und acht in Gefangenschaft gerieten.

Quelle: Walter Hassenpflug, Ein Luftkampf an der hess.-thür. Grenze, Heimatkalender des Kreises Hersfeld-Rotenburg, Seite 232, 1991

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