Chronik und Dorfbuch von Widdershausen/Werra

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Muna

Kriege > 2. Weltkrieg

Heeresmunitionsanstalt Herfa-Neurode

Durch einen umfassenden Konzentrationsprozess in der deutschen Kaliindustrie gab es 1932 von den ursprünglich 229 Kaliwerken nur noch 38 Werke, die sich durch Stilllegungen freigewordene Förderquoten übertragen ließen und so ihre Produktion ausweiteten.
Die Reserveschächte wurden von den Kaliproduzenten betriebsbereit gehalten und zumeist als Wetter-, Seilfahrts- und Materialschächte genutzt. Da sich die Werke die Möglichkeit offenhielten, Reserve- oder stillgelegte Schächte später wieder in Betrieb zu nehmen, mussten sie mit hohem Finanzaufwand unterhalten werden.
Gern wälzten sie daher die immensen Instandhaltungskosten auf das Reich ab, banden so gleichzeitig die Arbeitskräfte, indem sie ihre stillgelegten Werksanlagen und Schächte bereitwillig der Reichswehr als Lagerorte für Munition und weitere vor der alliierten Kontrollkommission zu verbergende Güter zur Verfügung stellte.
Vorreiter war die Wintershall AG in Kassel, die schon Anfang 1934 dem Reich ihr Werk in Bernterode zum Zwecke der Erprobung überließ und nach erfolgreichen Lagerungsversuchen weitere stillgelegte Kalischächte offerierte. Ein umfassendes, anfangs noch verdecktes Programm unterirdischer Lagerräume kam auf diese Weise in Gang. Selbst die zuständigen Bergbehörden erfuhren erst im April 1934 von den seit Monaten bestehenden Planungen und sogar verwirklichten Baumaßnahmen der Reichswehr.

Schacht Herfa im Hintergrund Schacht Neurode

Schacht

Die in stillgelegten Salzbergwerken eingerichteten Heeresmunitionsanstalten erhielten zur Unterscheidung von ‚offenen' Lager den Zusatz (Bw) für Bergwerk. In der Kurzform wurden sie als HMA (Bw) oder Muna bezeichnet. Sämtliche Heeresmunitionsanstalten unterstanden dem im Mai 1938 gegründeten Feldzeugkommando XXX mit Sitz in Kassel.

Heeresmunitionsanstalten im Werra-Fulda Revier

Zur Standardausstattung jeder Muna gehörten mehrere Munitionsarbeits- und Handmunitionshäuser sowie je nach Bedarf weitere Lagerhallen zur Aufnahme von Munitionsteilen, die in massiver Bauweise in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Schachtanlagen errichtet wurden. Im F-Gebiet stellten die Heeresmunitionsanstalten schussfertige, für die Weiterleitung an die Front bestimmte Munition aus Einzelkomponenten her. Dort wurden u. a. Geschosse mit Zünder und Zündladung versehen, aber auch Kartuschen hergestellt. Das ging in mehreren Arbeitsschritten vonstatten. Aus Leinenstoff hergestellte Kartuschenbeutel wurden zunächst mit der vorgesehenen, zuvor abgewogenen Pulvermenge gefüllt, anschließend zugenäht und in die Kartusche eingelegt, diese mit dem Kartuschedeckel verschlossen und als Letztes die Zündschraube eingedreht. Um selbst den geringsten Funken zu vermeiden, durften die Arbeitsräume nur mit Filzpantoffeln betreten werden. Nach Durchführung der Endkontrolle und der Verpackung in Transportkisten lagerte die Muna die fertigen Chargen in den Kammern der Grube ein. Mit Fortschreiten des Krieges wurden die in den Munitionsarbeitshäusern erbrachten Arbeiten sukzessiv nach unter Tage verlagert und in einfachen, in Salz gehauenen Kammern ohne Sicherheitsstandards fortgesetzt. Häufig waren den Munas Barackenlager zur Unterbringung von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen angegliedert.

Herfa-Neurode Stahlbetongebäude zur Munitionsfertigung

Am 24.9.1935 wurde die seit 1920 still liegende und als Reserveanlage deklarierte Grube Herfa-Neurode (Bild 13) von der Muna übernommen. Hier waren in 8 Betriebsjahren (1913 bis 1920) rund 425.000 t Kalisalz gewonnen worden. Die dabei entstandenen Hohlräume wurden nach der Übernahme durch die Muna nun als Lagerräume für Munition genutzt.
Die Produktion der großkalibrigen Granaten für Geschütze und Panzer erfolgt über Tage in 3 eigens erstellten besonders stabilen Stahlbetongebäuden, die in unmittelbarer Nähe der Werksanlagen im Wald errichtet wurden. Sie waren für Flugzeuge nicht sichtbar. Das Personal für die Produktion rekrutierte sich aus weiblichen Arbeitskräften aus der Umgebung und vor allem aus Zwangsarbeitern vieler Nationalitäten. Die Zwangsarbeiter waren in Barackenlagern westlich des Werkes im Herfatal untergebracht, wo sich heute die Fischteiche be?nden. Der Versand der Munition an die Front erfolgte zunächst mit der Werksbahn des Kaliwerks Wintershall über die werkseigene Bahnstrecke zum Bahnhof Heringen und von dort weiter mit der Reichsbahn.

Herfa-Neurode Barackenlager

Beim Einmarsch der Amerikaner am Ostersamstag 1945 standen im Bahnhof Heringen 3 Munitionszüge abfahrbereit. Da diese als Deckung von deutschen Einheiten genutzt wurden, die von hier aus die Amerikaner angriffen, kamen sie unter Beschuss des Gegners, in dessen Folge die Munitionsladungen aller Waggons explodierten. Bild 16 zeigt einen der zerstörten Züge im Bahnhof Heringen. Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner sprengten diese beide Schachtgerüste auf der Werksanlage. Das Schachtgerüst Herfa kippte dabei zur Seite und schlug auf dem Boden auf. Damit war es nicht mehr reparierbar. Das Schachtgerüst Neurode hob sich beim Sprengen zwar von den Fundamenten, blieb aber stehen. Es wurde später wieder aufgesetzt und war dann bis 1976 in Betrieb. Das Schachtgerüst Herfa wurde von der Fa. Eilers in Hannover in 1952 neu gebaut, danach ging Herfa-Neurode nach 33 Jahren Pause wieder in Förderung. Als ehemalige Muna-Anlage sollte das Bergwerk Herfa-Neurode nach dem Willen der amerikanischen Besatzungsmacht durch Einleiten des Herfa-Baches ge?utet werden. Dies wurde jedoch im letzten Augenblick verhindert durch das Verhandlungsgeschick der Werksleitung des Kaliwerkes Wintershall, die mit Hinweis auf die noch vorhandenen Kalivorräte die Amerikaner von ihrem Vorhaben abbringen konnte.

Quelle: Frank Baranowski, Die kriegswirtschaftliche Bedeutung stillgelegter Kaliwerke während der NS-Zeit, Gezähekiste, Zeitschrift des Hessischen Landesverbandes e. V. im Bund Deutscher Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine e. V., Heft 8, Ausgabe 02/2011 und Heft 9, Ausgabe 01/2012

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