Chronik und Dorfbuch von Widdershausen/Werra

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Viehhandel

Dorfleben

Viehhändler und Handelsmänner
Der Viehhandel hatte am Ende des 19. Jahrhunderts einen außerordentlichen Umfang angenommen. Auf den Viehmärkten in Hersfeld und Fulda trafen sich Hunderte von Juden und Bauern aus der näheren und weiteren Umgebung, und dort konnte man die Geschicklichkeit der jüdischen Viehhändler und die Schläue und Hartnäckigkeit der Bauern beobachten. Flüche, die nicht ernst gemeint waren, Schwüre, die nie gehalten wurden, flogen hin und her. Man trennte sich nach langem vergeblichen Handeln mit dem Schwure, nie wieder miteinander in Geschäftsverbindung zu treten, um nach wenigen Schritten die Verhandlungen wieder aufzunehmen und zum Abschluss zu bringen.

Die Sprache der hessischen Dorfjuden war ein seltsames Gemisch von hessischen und westjiddischen Sprachformen. Für Nichtjuden und auch für Juden aus anderen Landesteilen war es eine fast unverständliche Sprache. Mit den Bauern redeten diese Viehhändler und Hausierer im Bauerndeutsch, das sie vollkommen beherrschten.

Die folgende Anzeige wurde dem Buch "Geschichte der jüdischen Gemeinde Schenklengsfeld" 1988 entnommen. In Schenklengsfeld befand sich von ca. 1660 bis 1940 eine jüdische Gemeinde mit zuletzt 50 Familien von denen die meisten Viehhändler und Hausierer mit gutem Einkommen waren.

Abb.: Viehhandel aus dem Jahre 1868 zwischen dem Widdershäuser Landwirt Peter Eitzert und dem Handelsmann Aron Katz, aus: Hersfelder Intelligenz- und Anzeigenblatt vom 26.08.1868

Der Text der Zeitungsanzeige über den vereinbarten Handel lautet:

Ich Endesunterschriebener Peter Eitzert in Widdershausen, bekenne hiermit, dass ich von dem Handelsmann Aron Katz von Erdmannrode eine gelbe Kuh mit vorschlägigen Hörnern gegen eine Ziege und ein Ziegenlamm getauscht habe und verspreche dem gedachten Katz eine Zugabe mit 32 Thlr. (schreibe Dreißig zwei Thaler). Diese Summe verspreche ich Eitzert die Hälfte diesen Herbst, die andere Hälfte in einem Jahr ohne die geringste Einrede zu bezahlen; aber zur Sicherheit behält sich der benannte Katz die obenerwähnte Kuh zum Eigenthum, bis der letzte Heller bezahlt ist. Diese Kuh bleibt auf Gefahr und Kosten des Peter Eitzert, so lange bis der Kaufschilling getilgt ist. Die Kuh ist mir sogleich überliefert worden und bescheinige den richtigen Empfang. – Diesen Schein selbst gelesen und eigenhändig untergeschrieben.

Geschehen Widdershausen, den 19. August 1868.

Peter Eitzert.

Lorenz Brill Zeuge

Konrad Mötzing Zeuge

Fast während der ganzen Woche waren die Viehhändler unterwegs, und erst am Donnerstag Nachmittag oder Freitag morgen kehrten sie – oft mit Vieh, das sie gekauft hatten – nach Hause zurück. Da fast alle diese Juden gesetzestreu waren und nur streng koscher lebten, mussten sie sich im Essen große Entbehrungen auferlegen, denn in den Bauerndörfern gab es keine koscheren Mahlzeiten. Von der spartanischen Lebensweise dieser Händler kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Sie lebten fast die ganze Woche hindurch von Brot, Wurst, die sie mit auf die Reise nahmen, schwarzem Kaffee und Früchten.

Durch den Viehhandel, der den Haupternährunszweig der Juden in allen hessischen Dörfern bildete, wurden die Beziehungen zwischen Juden und Bauern sehr eng. Die vielfach in misslichen wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden christlichen Bauern wandten sich an ihre jüdischen Geschäftsfreunde um Kredite und erhielten sie gegen Zinsen und gegen Verpfändung ihrer Ländereien. Wenn dann die Bauern mit ihren Zahlungen in Verzug gerieten, veranlassten die Juden die Parzellierung der Ländereien und verkauften sie oft mit hohem Gewinn an andere wohlhabende Bauern. Die Juden, die dieses etwas anrüchige Geschäft betrieben, wurden als "Güterschlächter" bezeichnet. Ihre Zahl war nicht groß , aber sie trugen nicht unwesentlich dazu bei, dass die Saat des Antisemitismus in Hessen auf besonders fruchtbaren Boden fiel. Wie immer in der Geschichte des jüdischen Volkes machte man die Gesamtheit für die Fehler weniger verantwortlich. Auch bei den Juden selbst standen diese "Güterschlächter" nicht in hohem Ansehen. Doch die Mehrzahl der hessischen Juden verdiente ihr Brot auf ehrliche Weise, und ihre Beziehungen zu den Bauern waren vertrauensvoll.

Ein weiteres Beispiel aus Widdershausen zeigt, dass auch Immobiliengeschäfte in dieser Zeit nur mündlich oder mit Handschlag abgeschlossen wurden: Zu Pfingsten 1876 erwarb die neue renitente Glaubensgemeinde in Widdershausen (SELK) über den Schenklengsfelder Handelsjuden Meier Strauß die Bachmann’sche Hofraide in Widdershausen um darin eine „kleine Kirche“ einzurichten. Der Kauf wurde zwischen dem Ackermann Konrad Ruch IV und dem Meier Strauß über 700 Thaler mündlich abgeschlossen.

Quelle: Karl Honikel, Geschichte der jüdischen Gemeinde Schenklengsfeld, Christlich-jüdischer Arbeitskreis Schenklengsfeld, 1988

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