Chronik und Dorfbuch von Widdershausen/Werra

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Zeitzeugen 1953

Erdbeben

Aus dem Archiv der ExtraTip Mediengruppe vom 24.02.2008

Die Nacht, in der die Erde erwachte

Von MARK SLEZIONA

Heringen. „Es war furchtbar. Das möchte ich nicht noch einmal mitmachen.“ Anna Geier-Trieschmann hat noch lebhafte Erinnerungen an die Geschehnisse vor 55 Jahren. Damals, am späten Abend des 22. Februar 1953, erschütterten Beben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala die Region um Heringen.

Schreiende Kinder

Vor allem das Gebiet rund um den Heergraben in Widdershausen wies Spuren der Verwüstung auf: Der Erdboden sackte um bis zu zwei Meter ab, Häuser wurden beschädigt, tiefe, klaffende Erdrisse von bis zu 250 Meter Länge taten sich auf. Die damals 12-jährige Anna hatte sich gegen 21.10 Uhr schlafen gelegt. Auf dem Dach über ihrem Zimmer in der Ölbergstraße thronte der Schornstein.

„Der ist bei dem Beben eingeknickt – aber das Dach hat gehalten...“ erinnert sich Anna Geier-Trieschmann und dankt ihrem Schutzengel noch heute. Ihr Vater packte das verängstigte Mädchen und brachte es ins Erdgeschoss. In der Küche trafen sich die Familie – auch Annas Cousins aus dem Nachbarhaus waren schon da. Plötzlich erzitterte das Haus erneut und alle rannten ins Freie. Draußen war es stockdunkel, überall rannten Menschen auf die Straßen, schrien die Kinder.

Zerstörte Wohnung im Hause Trieschmann 1953

Die Zeit stand still

Am nächsten Morgen war die Wucht des Bebens sichtbar: Die Giebelwände des Hauses von Annas Onkel waren eingestürzt; Annas Elternhaus und noch zwei weitere Häuser waren nicht mehr bewohnbar; die alte und die neue Schule waren beschädigt; auf dem Friedhof waren 60 Grabsteine von den Sockeln gebrochen. Eine Spätfolge der Beben: Weil sich die Eisenbahnschienen zwischen Heringen und Widdershausen verbogen hatten, entgleisten noch am Montag, 23. Februar, gegen 5.20 Uhr der Packwagen und zwei nicht besetzte Personenwaggons eines Kurzzuges. Weiter entfernt, in Kleinensee, wurden ebenfalls sieben Häuser beschädigt, als in Waldhessen der Boden schwankte, Bilderrahmen von den Wänden purzelten, Glasscheiben zersprangen und sogar Uhren stehen blieben.

Erdsturz unter Tage

In den „Mitteilungen des Förderkreises Werra-Kalibergbau-Museum e.V.“ ist zu lesen, dass in der Grube Wintershall infolge des Erdbebens ein großer Teil des Nordfeldes, Strecke 38, in 420 Metern Tiefe durch die Erdstöße eingebrochen war. Vermutlich wegen zu schwacher Stützpfeiler war das Deckgebirge über dem Grubenfeld schlagartig abgesackt. Mit infernalischem Dröhnen soll die dabei verdrängte Luft damals durch die Schächte geschossen sein.

Risse in der Flur von Widdershausen 1953

Lebensrettende Verspätung

Wie durch ein Wunder kam mit Ausnahme eines Zollbeamten, der sich beim Beben ein Bein brach, in jener Februarnacht 1953 niemand zu schaden. Auch untertage nicht. Aus „Strecke 38“ war die Mittagsschicht damals gerade ausgefahren, als die Naturgewalten losbrachen. Die nachfolgende, acht Mann starke Schachtkolonne war noch nicht eingefahren, weil sie auf einen Kumpel gewartet hatte – nur wegen dieser Verspätung wurden sie vom Schlund der Erde nicht verschluckt.

Heute erinnert sich kaum noch jemand an die Erdbeben in Waldhessen. Doch vor 55 Jahren wurden sie für Forschung und Nachwelt von verschiedenen Messstationen erfasst. Das geophysikalische Institut der Universität Göttingen verzeichnete vier Erdstöße 80 Kilometer südlich Göttingens. Die Erdbebenwarte auf dem Kleinen Feldberg im Taunus vermeldete zwei Beben, deren Erschütterungen so stark waren, dass sie als tektonische Beben klassifiziert werden mussten. Und sogar die Bad Hersfelder Wetterstation notierte in ihrer Kladde zwei Erdstöße: um 21.18 Uhr einen von 20 Sekunden, und um 21.38 Uhr einen von zehn Sekunden Dauer.

Die Menschen in der Region Heringen gingen alsbald wieder ihren täglichen Beschäftigungen nach. Annas Vater erbaute noch im selben Jahr ein neues Haus, in das die Familie bereits im November 1953 einzog und in dem Anna Geier-Trieschmann noch heute lebt – in Widdershausen.

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