Betriebsruhe 1947 - Widdershausen aktuelles Projekt

Chronik Widdershausen
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Betriebsruhe 1947

Chronik 3 > Bergbau
Betriebsruhe 1947
Senken der Wehre in Widdershausen
Der 22. Constabulary Squadron in den McPheeters Barracks in Hersfeld wurde durch einen Grenzpolizisten gemeldet, dass einige 100 m oberhalb des Wehres der Wasserkraftzentrale in der Nähe der Brückengasse in Widdershausen ein amerikanischer Jeep liegen soll.

Die United States Constabulary (vgl.: Konstabler) war eine von 1946 bis 1952 bestehende Polizeitruppe der US Army in Form einer Gendarmerie. Ihre Aufgabe war, nach dem Zweiten Weltkrieg die Ordnung in den amerikanischen Besatzungszonen aufrechtzuerhalten. Die Constabulary war vorwiegend im ländlichen Raum und entlang der Ostgrenze der innerdeutschen Grenze stationiert.
Offizier und Soldat der US Constabulary 1950, Uniformen
Ärmelabzeichen der 22. US Constabulary Squadron in Bad Hersfeld um 1949
Am Montag, den 20. Oktober 1947 erschien bei dem Maschinisten der Widdershäuser Wasserkraftzentrale der amerikanische Captain Busbee von der 22. Constabulary Squadron aus den McPheeters Barracks in Hersfeld und gab ihm folgenden Befehl:

Das Wehr der Kraftanlagen Widdershausen ist sofort zu ziehen und das Wasser abzulassen. Das Wehr müsse ständig geöffnet sein bis zum Dienstag früh 10:00 Uhr, weil in diesem Zeitraum ein in der Werra liegender Kraftwagen geborgen werden solle.

Der Maschinist der Wasserkraftzentrale hat zunächst dem amerikanischen Offizier gegenüber zum Ausdruck gebracht, dass er Befehle hinsichtlich der Bedienung der Anlage nur von seinen Vorgesetzten in Heringen entgegennehmen könne.
Wenn er diesen Befehl ohne weiteres ausführen würde, so würden sich betriebliche Nachteile ergeben, die er nicht verantworten könne. Er bat, sich doch an seine vorgesetzte Stelle in Heringen zu wenden. Der amerikanische Offizier ließ die Einwendungen nicht gelten, sondern drohte ihm mit sofortiger Verhaftung, falls er den Befehl nicht augenblicklich ausführe. Daraufhin hat der Maschinist das Wehr gesenkt.
Der für die Kraft- und Wärmebetriebe verantwortliche Oberingenieur Dr. Schneider erhielt um 14:45 Uhr durch telefonische Anruf Kenntnis von dem Vorfall durch den Maschinisten. Er begab sich daraufhin nach der Zentrale in Widdershausen, nachdem ihm eine telefonische Unterredung mit dem Captain Busbee nicht möglich war. Bei Ankunft in Widdershausen war jedoch der amerikanische Offizier bereits fortgefahren. Da wegen des bereits abgesunkenen Wasserstandes der Werra eine akute Gefährdung der Dampfturbine in der Kraftzentrale sowie der Maschinen und Apparate der Fabrik vorlag, gab Dr. Schneider dem Maschinisten die Anweisung, zunächst sofort das Wehr wieder zu schließen. Er versuchte nochmals, den  amerikanischen Offizier, der sich jetzt in der Wasserkraftzentrale Lengers aufhielt, zu sprechen, damit er ihm die Gründe seines Handelns darlegen konnte. Die nachgesuchte Unterredung wurde jedoch von dem Captain durch den Dolmetscher abschlägig beschieden. Kurze Zeit darauf ist Dr. Schneider von dem Captain Busbee verhaftet und abgeführt worden. Am 23.10.1947 wurde seine Freilassung durch die Militärregierung in Hersfeld verfügt.
Wasserkraftanlage des Kaliwerkes Wintershall an der Werra in Widdershausen 1987, Eingang von der Werrastraße vor der Renovierung und Privatisierung
Wasserkraftanlage des Kaliwerkes Wintershall an der Werra in Widdershausen 1932, hier noch mit den drei Betonsockeln von 1904
Die von dem amerikanischen Offizier befohlene Absankung der Werra erfolgte, ohne dass die Betriebsleitung von Wintershall vorher über das Vorhaben unterrichtet worden ist. Nach späteren Informationen hatte auch die Militärregierung in Hersfeld gleichfalls keine Kenntnis von dem Vorhaben. Auf Wintershall war infolgedessen die Mittagsschicht sowohl in der Fabrik als auch in der Grube ordnungsgemäß angefahren. Durch das plötzliche Ablassen des Werrawassers konnte der Werra kein Kühlwasser für Turbine und Fabrikation entnommen werden, was zur Folge hatte, dass die Fabrik abgestellt und die Turbine ausser Betrieb genommen werden musste. Das ordnungsgemäße Ausserbetriebnehmen der Turbine war nur dadurch möglich, dass durch das erneute Schließen des Wehres der Wasserstand der Werra zunächst wieder etwas gehoben wurde. Bei plötzlichem Wegbleiben des Kühlwassers wäre ein ordnungsgemäßes Abstellen der Turbine nicht möglich gewesen, weil bei Fortbleiben des Kühlwassers am Kondensator eine übermäßige Erwärmung des Niederdruckteiles der Turbine eingetreten wäre. Diese Erwärmung hätte ein ungleichmäßiges Wachsen des Turbinenläufers und des Gehäuses zur Folge gehabt. Es bestand in diesem Fall die Gefahr, dass der Läufer der Turbine in den Stopfbuchsenkämmen des Gehäuses anlaufen würde, wodurch Läufer und Gehäuse zum Fressen kommen und eine schwere Beschädigung der Beschaufelung der Turbine eintreten würde. Nachdem das ordnungsgemäße Abstellen der Turbine gewährleistet war und trotz einer Unterredung zwischen dem Captain Busbee und Direktor Dr. Keitel der amerikanische Offizier von seinem Standpunkt nicht abzubringen war, wurde das Wehr wieder gezogen.
Einen solchen Willys Jeep MB vermutete die 22. Constabulary Squadron in der Werra bei Widdershausen in der Höhe der Brückengasse, 1947
Für den Betrieb stand nunmehr Wasser bis zum 21.10.1947, nachmittags 15:00 Uhr, nicht zur Verfügung. Das Anfahren der Kraftanlagen benötigte noch einige Zeit, so dass der Betrieb erstmalig am 21.10.1947 um 18:00 Uhr wieder aufgenommen werden konnte.
Bei der anschließenden intensiven Suche durch die Pioniere des 11th Amored Cavalry Regimentes in der Werra konnte kein Fahrzeug liegend an der vermuteten Stelle auf dem Grund der Werra gefunden werden.

Durch den Vorfall hatte das Werk Wintershall einen Förderausfall von 4.000 Tonnen Rohsalz erlitten und in der Fabrik sind 5.000 Tonnen weniger verarbeitet worden. An beiden Tagen war die gesamte Belegschaft, etwa 1.600 Mann, nicht produktiv beschäftigt worden.
Ausserdem musste das Werk, um die Notstromversorgung sichzustellen, Fremstrom von rund 29.000 kWh an beiden Tagen aus dem öffentlichen Netz von der PREAG beziehen.

Quelle:
Schreiben der Gewerkschaft Wintershall (Direktor Blomenkamp und Direktor Keitel) vom 23.10.1947
an den Ministerialdirektor Dr. Magnus im hessischen Wirtschaftsministerium Wiesbaden,
an Colonel Dieter (Bergbauoffizier der Landesmilitärregierung), Coal and Mining Section, Wiesbaden, Landeshaus,
an die Militärregierung, Bad Hersfeld

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