Stellmacher - Widdershausen aktuelles Projekt

Chronik Widdershausen
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Stellmacher

Chronik 2 > Landwirtschaft
Stellmacher (Wagner)
 Wähn vom Wähner
Wegen ihrer Hauptarbeit, dem Bau von Wagen, wurden die Stellmacher auch Wagner genannt. Alle gebräuchlichen Wagentypen, wie z.B. Schubkarren, Handwagen, Kuh- und Pferdewagen, Leiterwagen oder gar Kutschen und nicht zuletzt auch die Pferdeschlitten für Fracht und Personen und auch die Rodelschlitten für Kinder, ließ man beim "Wähner" anfertigen.
Darüber hinaus wandten sich die Dorfbewohner an ihn, wenn sie eine Hofeinfriedung, d.h. einen Lattenzaun usw., Futterraufen, Stall- und Scheunentore, Leitern, Sensenbäume, Axtstiele, Tische und Tröge zum Schlachten oder auch eine Backgarnitur, zu der die "Kess" (mit der man die Glut aus dem Ofen schabte) und der "Haller" (Gerät zum Broteinschieben) zählten, und andere Holzgeräte benötigten.
Ein Stellmacher oder Wagner bei der Arbeit vor seiner Werkstatt, hier bei der Endfertigung eines Wagenrades, beim "Entgraten" der schrfen Kanten mit dem Schneidemesser oder Schabeisen.
Als noch hölzerne Ackerpflüge und Eggen benutzt wurden, mußte er auch diese herstellen. So hatte der Stellmacher eine wichtige Funktion in der bäuerlich strukturierten Gesellschaft, da sein Arbeitsgebiet grundlegende und täglich benötigte Holzprodukte umfaßte.
Am Beispiel einer Wagenradanfertigung sei ein Einblick in die Arbeit der Stellmacher gegeben. Große Mengen von verschiedenartigem Holz mußte der Wagner immer vorrätig haben und zum Trocknen lagern, damit er für alle Werkstücke das geeignete Holz verwenden konnte - zeichnen sich die Holzarten doch jeweils durch verschiedene Eigenschaften aus, die es bei der Verarbeitung zu beachten oder zu netzen gilt. So mußte z.B. für die Nabe und die Speichen eines Rades abgelagertes Eichenholz verarbeitet werden, während für den Felgenkranz Buchenholz geeigneter war.
Zunächst hat der Stellmacher die Nabe aus einem Eichenklotz grob ausgehackt, auf der Drehbank - mit Fußantrieb - rund gedreht, arbeitete dann mit der Bohrwinde und anderen Geräten die Speichenlöcher heraus und schlug einen Eisenring um die Nabe. Die Speichen wurde aus Eichenholzscheiten ausgehackt und dann auf der Hobelbank mit dem Speich- und Schabhobel in die Speichenform geschnitzt. Zuvor hat man bei allen Speichen an den Enden noch die Zapfen herausgearbeitet.
Ein stolzer, junger Wagner neben seinem Gesellenstück
Ein alter Wagner vor seiner bescheidenen Werkstatt in Woffelsbach
Nachdem nun die Felgen - sechs Stück normalerweise - je nach dem Radius des Rades aus Buchenholz ausgeschnitten und die Speichenlöcher konisch hineingebohrt worden waren, konnte das Rad zusammengesetzt werden. Damit die Speichen fest in der Nabe sitzen, wurde die Nabe zunächst ausgekocht, dann schlug der Stellmacher die Speichen in das weiche Holz, wobei er auf den richtigen "Sturz" (Schrägstellung) achten mußte. Nun konnten die Felgen aufgesetzt und verdübelt werden, bevor das Rad noch mit dem Putzhobel ausgeputzt werden mußte. Zum Anbringen des Eisenreifens brachte der Stellmacher das Rad zum Dorfschmied und bohrte zum Schluß noch das Buchsenloch in die Radnabe und schlug eine Eisenbuchse ein.
Der Stellmacher-Meister Isengardt bei der Arbeit an einem großen Wagenrad für einen Leiterwagen, er bohrt gerade das Buchsenloch in die Radnabe ein.
Das Zunftzeichen der Stellmacher oder Wagner
Das Zunftzeichen der Stellmacher oder Wagner
Sollte der Stellmacher einen ganzen Wagen herstellen, so hatte er neben den Rädern noch das Vordergestell, zu dem der Achsenstock, das Reibbrett, der Vorderschemel, das Schemelbrett, die Vorderarme, die Gischel (Deichsel), eine Waage und die "Sellscheide" (Ortscheide) gehörten, und den Hinterwagen mit dem Achsenstock, Langbaum, Hinterarmen und Hinterschemeln anzufertigen. Natürlich durfte kein Wagen ohne Rungen, Bremsklötze, Hemmbaum und Hemmschuh geliefert werden.
Je nach Bedarf ließ man dieses Wagengestell noch eine Ernte- oder Kastenwagengarnitur - oder auch beides - machen. Zur Erntewagenausrüstung, wie sie z.B. beim Einfahren des Getreides benötigt wurde, gehörten noch zwei Leitern und Linsenstützen, während zur Kastenwagenausrüstung, wie man sie u.a. für das Transportieren von Mist und Rüben brauchte, noch zwei Dunghorden mit Einsätzen - Brill genannt - zählten.
Bei der Gesellenprüfung mussten die Stellmacher in den 1930er Jahren ein Wagenrad oder eine Schubkarre anfertigen. Zur Meisterprüfung wurde jedoch das Herstellen eines ganzen Wagens gefordert, wobei man entweder einen halbspurigen Kuhwagen oder einen vollspurigen Pferdewagen herstellen konnte.
Der Schmied aus Niederdieten beim Aufziehen eines Eisen-Reifens auf ein vom Wagner hergestelltes Wagenrad, 1935
Allerdings war die Herstellung eines Wagens eine große Ausnahme in der Arbeit der Stellmacher. Wie aus ihren Kundenbüchern hervorgeht, bekamen die Stellmacher im Jahr nur wenige größere Aufträge - meist erfüllten sie kleine Ausbesserungsarbeiten für ihre Kunden. Außerdem läßt sich aus den Aufzeichnungen schließen, daß man wegen mangelnder Aufträge nicht täglich handwerklich arbeitete, so daß eine kleine Landwirtschaft, meist ca. 3 bis 8 ha, die Existenzgrundlage bildete.
Seit den 1950er Jahren veringerten sich darüber hinaus noch die Aufträge der Stellmacher durch die verstärkte Technisierung der Landwirtschaft zunehmend, sodaß viele Handwerker bereits damals ihren Beruf aufgaben. Dennoch erlernten noch einige Lehrlinge das traditionelle Handwerk. Diese mußten jedoch auch bald ihren Beruf völlig aufgeben, wenn sie nicht die Möglichkeit nutzten, den herkömmlichen Arbeitsbereich als Karosseriebauer zu erweitern - hat doch der Karosseriebauer, mit modernen Materialien arbeitend, einen Teilbereich des Wagnerhandwerks übernommen.
Tafel mit den wichtigsten Werzeugen der Stellmacher und Wagner
Heute noch lebende Stellmacher haben allerdings ihre Werkstatt aufrechterhalten, um noch "hobbymäßig" weiterzuarbeiten.
Die Stellmacher haben in der modernen Industriegesellschaft ihre Aufgabe und somit auch ihre Erwerbsgrundlage verloren. Obwohl sich viele andere Berufe den neuen Erfordernissen anpassen konnten, gab es für diesen herkömmlichen Handwerksbereich keine Weiterentwicklung.

Quelle:
Brunhilde Miehe, Stellmacher: Wähn vom Wähner, Kirchheim-Gershausen, Heimatkalender des Kreises Hersfeld-Rotenburg, 1985
Brunhilde Miehe, Altes Handwerk noch gefragt, Kirchheim-Gershausen, Mein Heimatland, Zeitschrift für Geschichte, Nummer 6, Band 51, Juni 2012,
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